Während eines Routine-Streifganges am 28. Januar trafen die Keeper auf Solango. Er war in Begleitung von Burra und versuchte verzweifelt, auf drei Beinen zum Voi-Camp zu gelangen, weil er auf dem rechten Hinterbein hochgradig lahmte. Er wusste offenbar, dass er Hilfe brauchte und wo er sie bekommen würde: von seiner menschlichen Ersatzfamilie in Voi, die immer noch Elefantenwaisen aus Nairobi auf ihrem Weg zurück in die Wildnis Tsavos begleitete.
Ein junger, so schwer verwundeter Elefant ist leichte Beute für die Löwen in Tsavo. Die Keeper begleiteten Solango und Burra auf dem letzten Teil ihrer offensichtlich langen und beschwerlichen Reise zurück nach hause. Als sie sich den Stallungen näherten, trafen sie Emilys Gruppe, und sobald sie auf dem Stallgelände angekommen waren, ging Solango geradewegs in seine frühere Unterkunft. Solango wurde im September 2001 geboren und im Alter von nur einem Monat kam er in die Nairobi Nursery. Er verlor seine Mutter als er im weit entfernten Shaba Schutzgebiet an einem Ort namens „Kasimi Hamisi“ in eine Felsspalte fiel. Da diese Spalte auch während der Trockenzeit Wasser führt, bringen die Einheimischen ihre Herden zum Saufen dorthin. Aufgrund des Andrangs sind die Felsen von all den Klauen und Füßen abgewetzt und somit durch die Nässe obendrein glatt und gefährlich. Auch Seraa verunglückte an dieser Spalte, und hatte Glück, damals von Ian Craig aus Lewa Downs entdeckt und gerettet zu werden.
Es ist sehr beruhigend zu wissen, dass unsere von Hand aufgezogenen Ex-Waisen wissen, wohin sie im Notfall gehen müssen. Solango ist auch nicht der erste, der zu seinem alten zuhause zurück kommt, um sich Hilfe zu holen. Viele Menschen, die sich mit diesen hochintelligenten, sehr „menschlichen“ Tieren nicht so gut auskennen, sind oftmals erstaunt vom logischen Denken der Elefanten. Für uns hingegen, die inzwischen mehr als 50 Jahre mit der Pflege verwaister Elefanten zugebracht haben, ist es keine Überraschung mehr und wir finden, dass die Dickhäuter uns Menschen sehr ähnlich und in vielen Eigenschaften sogar überlegen sind! Sie vereinen alle guten Eigenschaften der Menschen und einige wenige der schlechten; in einigen Sachen sind sie uns jedoch weit voraus: so verständigen sie sich telepathisch, kommunizieren über riesige Distanzen via Infraschall, nehmen seismische Aktivität über ihre Füße wahr und vieles mehr!
Solango hatte keine sichtbare äußere Verletzung, die uns einen Hinweis auf seine Lahmheit geben konnte. Das Knie war jedoch deutlich geschwollen, was auf eine Fraktur oder bestenfalls eine Verstauchung hindeutete. Offenbar kam er von weit her, denn er war dermaßen erschöpft, dass er sich nach etwas Futter und Wasser hinlegte und für die nächsten 12 Stunden schlief! Als er aufwachte, mussten ihm die Keeper beim Aufstehen helfen, weil er sein verletztes Bein nicht belasten konnte. Der lange Weg nach hause schien ihm all seine Kräfte geraubt zu haben.
Wir fragten die Tierärzte um Rat und verblieben dabei, dass es vorerst das Beste sei, erst einmal nichts zu tun!
Diese Art Verletzung konnte nur die Natur, also die Zeit, heilen. Behandelte man die Schmerzen mit Medikamenten, würde er sein Bein zu früh belasten, und Entzündungshemmer haben möglicherweise unerwünschte Nebenwirkungen, so dass die optimalste Lösung in einer homöopathischen Behandlung lag, die die Knochen-, Muskel- und Sehnenheilung unterstützte. Unsere liebenswerte homöopathische Spezialistin Lesley Suter aus England sagte uns, welche Mittel anzuwenden seien: Symphytum (Beinwurz), Rus toxicodenron (Giftefeu) und Ruta graveolens (Weinrute) zusammen mit jeder Menge Arnika und Bachblüten.
Bis zum Ende der ersten Februarwoche besserte sich Solangos Zustand sichtbar. Er konnte das Bein wieder aufsetzen und innerhalb des Stallgeländes umherlaufen, sich an dem großen Felsen im Gelände kratzen und stärkte sich mit Kopra, Milchwürfeln, Luzerne und Frischfutter, das täglich für ihn gesammelt wurde. Er genießt die Gesellschaft der jungen Elefanten, die von den Voi-Keepern betreut werden und immer morgens vor und abends nach ihrem Tag im Busch Zeit mit ihm verbringen. Auch Emily und ihre Herde besuchten ihn regelmäßig, da sie sich im Moment offenbar in der Gegend aufhalten. Wir sind also guter Hoffnung, dass die Ruhe und viel Fürsorge dafür sorgen werden, dass er bald wieder fit ist. Ein Beispiel dafür, dass die Natur den besten Behandlungsplan hat, ist Murkas 25 cm lange Speerwunde im Kopf. Solango ist trotz allem in der glücklichen Lage, eine menschliche Ersatzfamilie zu haben, die ihm den Schutz und die Hilfe gewährt, die er zum gesund werden braucht. Die meisten wildlebenden Elefanten haben das nicht!

