Es war ein ruhiger Morgen, und man konnte eine Gruppe Ex-Waisen und wilde Elefanten an den Stallungen beobachten, die auf Wasser warteten. Die Waisen leerten ihre Milch und schlossen sich danach der Gruppe an. Wendi und ihr Baby Wiva waren auch bei ihnen. Die Waisen fraßen dann ihr Luzernenheu zusammen mit den Ex-Waisen und unterhielten sich dabei ein wenig mit ihnen. Wiva war sehr glücklich und aktiv. Barsilinga kratzte sein juckendes Bein an einem Felsen, wurde aber später von Sunyei weggeschubst, die den Felsen übernahm. Die Waisengruppe verließ schließlich das Gelände und ging zum Grasen in den Busch.
Es wurde ein recht sonniger Tag, doch es ging auch ein kühler Wind. Die Waisen wollten nicht sehr weit laufen, sondern warteten auf das Schlammbad, bei dem sie sich abkühlen konnten. An den Stallungen kamen am Nachmittag vier Wildhunde zum Saufen vorbei, und nachdem sie ihren Durst gestillt hatten, verschwanden sie wieder. Am Abend führte Kithaka die Waisen zur Milchfütterung nach Hause.
Für weitere drei Waisen aus Nairobi war es am 14. Dezember Zeit, nach Tsavo umzuziehen und sich dort ihren Freunden Arruba, Mashariki und Rorogoi anzuschließen, die diese Reise schon zwei Wochen zuvor gemacht hatten. Dies ist der nächste Schritt im Leben dieser Waisen. In Tsavo werden sie die Gelegenheit haben, mit den älteren Ex-Waisen zusammen zu sein und nach und nach Kontakt zu den wilden Herden zu haben. Sie werden Zeit mit ihnen verbringen, wichtige Dinge lernen und irgendwann ihr eigenes unabhängiges Leben führen können. Dieser Prozess dauert noch Jahre, wie auch bei menschlichen Kindern, und vermutlich werden sie noch 8 bis 10 Jahre in unserer Obhut sein, bevor sie schließlich vollkommen unabhängig sind. Aber auch dann werden sie wahrscheinlich noch in regelmäßigem Kontakt zu ihrer menschlichen Familie bleiben.
Sonntag, 1. November 2015
Unser neues Kuhkalb Tafuta begleitete Wei Wei, Kawaida, Kwama, Tamiyoi und Loboito den Tag über in den Wald hinaus. Gegen 6:30 Uhr kamen sie heraus, und es war bereits hell und warm. Tafuta war sehr froh, draußen zu sein, aber sie spielte nicht so viel mit ihren neuen Freunden. Sie hielt sich größtenteils von den Anderen fern und graste allein. Kurz vor der öffentlichen Besuchsstunde kamen die älteren Mädchen herüber, um nach Wei Weis kleinem Team zu sehen. Sie ahnten wahrscheinlich, dass ein neues Mitglied dazugekommen war und entschieden sich, hallo zu sagen und sich als neue Familienmitglieder vorzustellen. Suswa, Mashariki, Arruba, Oltaiyoni, Kamok, Siangiki und natürlich Mbegu schlichen sich klammheimlich zu den Babys. Sie waren sehr freundlich und liebevoll zu den Kleinen. Als sie ankamen, begrüßten sie alle, verpassten aber Tafuta, die allein im Gebüsch graste. Arruba suchte sie, und nachdem sie sie gefunden hatte, kollerte sie fröhlich, was auch die anderen Waisen anlockte. Sie kamen zu ihr und Tafuta und nahmen sich jede Menge Zeit, sich vorzustellen und den Neuankömmling zu umsorgen. Schließlich brachen sie zur öffentlichen Besuchsstunde auf, wo ihre Milchflaschen auf sie warteten und ließen die Babys zurück.
Der Umzug von Arruba, Mashariki und Rorogoi war ursprünglich für den 19. November geplant gewesen. Das Einladen verlief an diesem Tag sehr entspannt, und die drei Waisen waren bereits um 4 Uhr abfahrbereit. Dramatisch wurde es aber zwei Stunden nach der Abfahrt. Wegen heftiger Regenfälle und unbefestigten Umleitungen auf der Mombasa-Nairobi-Schnellstraße blockierte ein umgestürzter LKW die Straße völlig und hunderte weitere Lastwagen hatten sich schon in einem 20km langen Stau angesammelt. Wir entschieden sofort, den Umzug abzubrechen, da wir nicht riskieren konnten, die Elefanten über sehr lange Zeit in dem LKW eingesperrt zu lassen. Also wurden die drei Mädchen wieder nach Hause zum Waisenhaus chauffiert. Sie schienen von ihrem Ausflug gar nicht verwirrt zu sein und gingen gleich zur 9 Uhr-Fütterung wie gewohnt wieder in den LKW hinein. Sie wurden gleich wieder darin gefüttert, weil sie ja bei einem späteren Versuch noch einmal würden einsteigen müssen. Dieser etwas unwirkliche Morgen schien die Elefanten gar nicht zu beeindrucken, jedenfalls ließen sie sich nichts anmerken.
Der Umzug wurde dann für den 4. Dezember erneut geplant. Die Babys wurden um 3 Uhr geweckt und erhielten Beruhigungsmittel, damit die ganze Aktion ihnen nicht zuviel Stress bereiten würde. Rorogoi ging ohne Probleme in ihr Abteil. Als aber Arruba und Mashariki die Szene wiedererkannten und die vielen Keeper um sie herum und das Licht in den Bäumen sahen, wussten sie sofort, dass etwas Besonderes los war. Sie weigerten sich einzusteigen und knieten sich sogar hin. Ein Gummiband wurde um ihre Vorderbeine gelegt und mit Milch als Lockmittel wurden sie schließlich mit vereinten Kräften in den LKW geschoben. Sobald sie drin waren, schienen sie sich damit abgefunden zu haben, tranken ihre Milch mit großem Enthusiasmus und blieben ansonsten ruhig. Dieses Mal brach der Elefantenkonvoi erst etwas verspätet um 4:30 Uhr auf die Reise auf.
Der Elefanten-Umzugs-LKW kam dank der frühen Uhrzeit problemlos durch die normalerweise verstopften Straßen Nairobis. An diesem Morgen schüttete es glücklicherweise nicht so heftig, sonders es gab nur leichten Nieselregen. Bodennebel sorgte außerdem für kühles Klima. Im Laufe der Reise wurde es wärmer, aber die Belüftung in dem speziell angepassten Fahrzeug war gut, und der eingebaute Wassertank stellte sicher, dass die Waisen wenn nötig abgekühlt werden konnten. Trotz der zusätzlichen Milchflaschen am Morgen verlangte Mashariki laut nach Grünfutter, sodass der Konvoi zweimal anhielt, um neue Zweige für die hungrigen Waisen zu besorgen. Sie waren die ganze Reise über mit Fressen beschäftigt, nur Rorogoi war sehr ruhig, wohl aufgrund der Wirkung des Beruhigungsmittels. Arruba gelang es irgendwie, ihr Tor anzuheben, sodass der LKW ein drittes Mal anhalten musste, damit es wieder gesichert werden konnte.
Um 11 Uhr fuhr der LKW schließlich den Anstieg zu den Voi-Stallungen hinauf, und alle Voi-Waisen warteten oben. Sie wussten genau, dass sich an diesem Tag etwas Besonderes abspielen würde. Lesanju und Wasessa näherten sich als erste dem Zaun zwischen dem Schlammbad und der Laderampe. Sie stellten voller Vorfreude ihre Rüssel auf, da sie nun wussten, dass neue Babys bei ihnen ankommen würden. Ihre Aufregung war deutlich sichtbar.
Mashariki war die Erste, die aus dem Lastwagen kam und trank gleich begierig noch eine Flasche Milch. Die Voi-Keeper öffneten die Tore, hinter denen die großen Mädchen gestanden hatten, und Wasessa und Lesanju eilten sofort zu den Neulingen, um sie zu begrüßen. Sie waren so enthusiastisch, dass Mashariki etwas eingeschüchtert war. Sie war von der Größe der anderen Elefanten beeindruckt und rannte erst einmal in die entgegengesetzte Richtung. Die Keeper lockten sie aber schnell zurück, und sie wurde von der wartenden Herde umschlossen. Wasessa und Lesanju stationierten sich an den LKW-Toren, um Arruba und Rorogoi zu umarmen, als diese herauskamen. Naipoki sagte kurz Mashariki hallo, doch die kleineren Voi-Waisen mussten bald den großen Kühen Platz machen, damit diese die neuen Babys angemessen willkommen heißen konnten. Ihre Liebe und Zuneigung und ihr beschützendes Auftreten beruhigte die Babys, und innerhalb kürzester Zeit verhielten sie sich, als wären sie schon ihr ganzes Leben in Voi gewesen.
Alle drei Neulinge stammen aus dem südlichen Tsavo-East Nationalpark, und sie müssen sich an diesen Ort irgendwie als ihre Heimat erinnern. Die Gerüche, das Futter und die weite Landschaft kam ihnen möglicherweise bekannt vor, denn sie waren sehr schnell erstaunlich zufrieden hier. Interessanterweise waren es gerade ihre alten Waisenhaus-Freunde Tundani, Nelion und Lentili, die ihnen am unfreundlichsten gesonnen waren. Vielleicht waren sie etwas eifersüchtig auf die viele Aufmerksamkeit, die den Neuankömmlingen zuteil wurde. Erst nach einer Stunde kamen sie heran, um ihre alten Freunde zu begrüßen.
Die Keeper ließen den Elefanten eine Weile Zeit sich kennenzulernen, bevor sie die Neulinge zum Wasserloch riefen. Arruba und Mashariki war es sichtlich warm, denn Tsavo ist deutlich heißer als Nairobi. Sie kühlten sich begeistert am Wasser ab. Mashariki kletterte tatsächlich ins Wasserloch und Lesanju folgte ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten. Bei der ganzen Aufregung versuchte Taveta, Arruba zu besteigen, doch die Keeper griffen ein und unterbanden den Versuch. Inzwischen war Rorogoi von allen anderen großen und kleinen Waisen umgeben. Es dauerte nicht lange, bis sie alle im Wasserloch waren und es schwierig wurde, die Neulinge von den angestammten Bewohnern zu unterscheiden. Nach einer Weile sammelten die Keeper ihre Schützlinge zusammen. Arruba und Mashariki antworteten sofort, und die Anderen folgten ihnen. Arruba und Mashariki führten dann gleich die Gruppe das erste Mal in den Busch. Rorogoi blieb zuerst zurück, bemerkte aber schnell, dass ihre Waisenhaus-Freunde weg waren und lief ihnen eilig hinterher. Draußen im Busch unterhielten sich Tundani, Lentili und Nelion mit ihnen, während Sinya die Rolle des Babysitters übernahm.
Als es gegen 17 Uhr Zeit war, zu den Stallungen zurückzukehren, wurden Arruba, Rorogoi und Mashariki zuerst zurückgebracht. Sie schlangen ihre Milch hinunter und gingen dann zum Wasserloch, um sich noch einmal abzukühlen. Als die Anderen ankamen, waren die Neulinge deutlich als die nassesten aller Waisen zu erkennen. Rorogoi legte ihre Schüchternheit ab und war schnell wieder genauso frech wie im Waisenhaus; sie griff durch den Elektrozaun und versuchte, eine Extra-Flasche Milch zu stehlen. Sie versuchte sogar Panda wegzuschieben, um ihren Anteil abzubekommen.
Als die Milchfütterung vorbei war, führten die Keeper die Waisen zu den Gehegen. Arruba und Mashariki folgten Lentili, Tundani und Ndoria zum Gehege der jüngeren Waisen. Wasessa, Lesanju und die anderen großen Waisen versuchten, ihnen zu folgten, doch die Keeper hielten sie zurück. Rorogoi fand sich aber mitten zwischen den Großen wieder und ging mit Wasessa, Sinya und Lesanju in ihr Gehege; das bleibt nachts offen, damit sie kommen und gehen können, wie sie möchten. Als Rorogoi aber die Keeper rufen hörte, machte sie kehrt und schloss sich den Kleinen an. Arruba und Mashariki waren inzwischen schon wie Zuhause im Gehege bei ihrer neuen Herde. Zuerst schien Rorogoi nicht so richtig hineinzupassen, doch wir merkten bald, dass sie nur die verschiedenen Futterhaufen untersuchte, um zu sehen, ob etwas zum stibitzen dabei war! Nachdem sie sich ein paar leckere Zweige ausgesucht hatte, kehrte sie zu ihren Freunden zurück.
Die Waisen schliefen in der Nacht gut und schrien auch nicht in ihrem neuen Gehege, das sie sich mit den anderen teilen. Lesanjus Herde blieb in ihrem offenen Gehege, denn sie wollten die jungen Neulinge im Auge behalten. Bei Sonnenaufgang warteten die jungen Waisen geduldig an den Toren der Gehege auf ihre Milch. Sie wussten sofort, wo sie hingehen mussten, als die Tore geöffnet wurden. Dort schlossen sich ihnen bald die etwas älteren und schließlich auch die großen Waisen an. Als Lesanjus Herde zum Wasserloch herunterkam, machten die jüngeren Waisen ihnen Platz. Arruba, Mashariki und Rorogoi gaben den Weg in den benachbarten Busch vor und fingen gleich neben Sinya zu grasen an. Die anderen Waisen machten mit und niemand hatte es eilig, woanders hinzukommen. Als die Herde den Mazinga-Berg hinaufstieg, schienen die Neulinge wie Zuhause zu sein. Sie bewegten sich in dem felsigen Gebiet problemlos und genossen die neue Aussicht, die Gerüche und das Futter, das sie fanden.
Wir freuen uns darauf, ihren weiteren Fortschritt beobachten zu dürfen und sind gespannt, wie sich diese Mini-Leitkühe des Waisenhauses in die Voi-Herde integrieren, wo sie nun die Kleinsten sind. Das wird sicher eine Umstellung für sie werden, besonders für Arruba, doch auch sie wird ihren Weg zurück in die Wildnis mit Freuden gehen. Diese Reise wird noch einige Jahre dauern, und wir werden sie dabei wachsam begleiten. Die ersten Schritte sind getan, und die Neuankömmlinge sehen schon richtig glücklich in ihrem neuen Zuhause aus. Sie sind von einer sehr liebevollen Adoptivfamilie umgeben und werden, wie viele unserer Ex-Waisen, eines Tages wissen, was es bedeutet, eine eigenen Familie zu haben, mit eigenen, in der freien Wildnis geborenen Babys.
Wir waren in letzter Zeit sehr gespannt auf Neuigkeiten von Emilys Herde, die die Stallungen in Voi zuletzt im Juli 2015 besucht hatte. Am 25. November zahlte sich das Warten endlich aus: die gesamte Ex-Waisen-Herde tauchte wieder auf, und dabei waren auch Emilys wildgeborene Babys Eve und Emma, sowie die von Edie, Ella und Eden. Zu unserer großen Überraschung stellten wir fest, dass es einen weiteren Neuzugang gab: ein kleines Baby von Ex-Waise Sweet Sally!