Die Monate Juli bis September wurden durch die sogenannte große Trockenzeit geprägt, die normalerweise bis in den Oktober andauert. Dieses Jahr zeigte sie sich vergleichsweise mild und es gab weiterhin ausreichend Weideland für die Elefanten und anderen Tiere. Das Gras wurde allmählich trockener und wechselte seine Farbe zu einem tiefen Goldton, was der Landschaft einen sehr schönen Anblick verlieh. Wichtiger war allerdings, dass die Vegetation den Elefanten ausreichend Nahrung bot. Daher befanden sie sich in besserer körperlicher Verfassung als es zu dieser Jahreszeit sonst gewöhnlich der Fall ist.
Die noch verfügbaren Weideflächen schrumpften allerdings im Laufe der Monate und beschränkten sich schließlich weitgehend auf den zentralen Teil des Amboseli Nationalparks, wo auch die Sümpfe liegen, welche das ganze Jahr Wasser und Nahrung bieten. Daher zogen immer mehr Zebras und Gnus in den Park zurück. Viele Elefantenfamilien folgten ihrem Beispiel und hielten sich vor allem in den Sümpfen auf. Dem Team des Amboseli Trust for Elephants (ATE) bot sich jetzt eine gute Möglichkeit, seine Aufzeichnungen für jene Familien zu aktualisieren, die sich den größten Teil des Jahres weiter entfernt aufhalten. Außerdem kam es häufig zu Begegnungen zwischen verschiedenen Elefantenfamilien, wobei interessante Interaktionen beobachtet werden konnten. Die Geburtenrate lag weiterhin über dem Durchschnitt, wodurch sich der Babyboom des Jahres 2025 fortsetzte.

Die AAs blieben meistens im östlichen und zentralen Bereich des Parks, wo man sie oft in größeren Gruppen in der Nähe der Sümpfe sehen konnte. Am 15. September begegnete das ATE-Team Artemis, Arden und Acholi im Zentrum des Parks, und es wurde schnell klar, dass Acholi nur wenige Stunden zuvor ein Kalb zur Welt gebracht hatte. Die Geburt eines Elefanten beobachten zu können, ist äußerst selten. In mehr als 50 Jahren kontinuierlicher Beobachtung in Amboseli haben die Forscherinnen des ATE nur eine Handvoll Geburten direkt miterlebt. Die meisten Kälber werden nachts geboren, und wenn Geburten tagsüber stattfinden, suchen die Kühe in der Regel ruhige oder abgelegene Orte auf, was die Beobachtung solcher Ereignisse erschwert.

Acholi ist erst 13 Jahre alt und dies ist bereits ihr zweites Kalb, ein Mädchen. Ihr erstes, ein 2023 geborener Junge, hatte leider nicht überlebt.
Leider hat Acholi ihre Mutter Alison nicht mehr an ihrer Seite, da diese 2015 im Alter von 53 Jahren gestorben war. Elefantenmütter stehen ihren Töchtern nach der Geburt eines Kalbes unterstützend zur Seite, und dies ist gerade für junge Elefantenkühe, die noch über nicht viel eigene Erfahrung verfügen, von großer Bedeutung. Der Verlust einer Mutter kann daher die Überlebenschancen der Kälber ihrer Töchter deutlich verschlechtern. Allerdings kann ihre Stelle von anderen Elefantenkühen eingenommen werden. Das ist glücklicherweise bei Acholi der Fall, welche sich sicher auf die Unterstützung ihrer Schwestern Artemis und Arden verlassen kann, was hoffentlich die Chancen ihres neuen Babys deutlich verbessern wird.
Die EBs wurden im Juli und erneut im September beobachtet. Unter ihnen befand sich auch Eliot, die ihrer legendären Mutter Echo, der früheren Matriarchin der EBs, außerordentlich ähnlich sieht. Wie viele andere Familien der Amboseli-Population haben auch die EBs in diesem Jahr mehrere junge Kälber bekommen . Alle sind in guter Verfassung, und ihre gemeinsame Zeit war geprägt von häufigem Spielen und engem sozialen Kontakt – wichtig für die frühe Entwicklung der Kälber.


Im Juli wurden die EBs zusammen mit den PC2s gesehen. Bei dieser Gelegenheit spielten die Kälber von Pink und Enid ausgelassen miteinander. Solche Interaktionen zwischen Kälbern verschiedener Familien sind bei Elefanten nichts Ungewöhnliches und helfen ihnen auf spielerische Weise ihr soziales Umfeld zu erweitern.

Im September wurden Enid, Elise und Entito zusammen angetroffen und Entito hatte ein neues weibliches Kalb, das schätzungsweise erst drei Tage alt war. Sehr junge Kälber verbringen die meiste Zeit in engem Körperkontakt mit ihren Müttern und anderen Familienmitgliedern, brauchen häufig Ruhepausen und sind besonders stark auf Schutz angewiesen. Ältere Kälber gehen oft sanft mit Neugeborenen um, indem sie sie berühren, sich neben sie legen und mit ihnen spielen. Diese Interaktionen sind Teil eines frühen sozialen Umfelds, welches das Überleben und Lernen der Kälber unterstützt und gleichzeitig die starken Bindungen innerhalb der Familie stärkt.
Im September gab es endlich auch ein Wiedersehen mit Placidas Gruppe von den PCs und auch hier gab es Nachwuchs zu entdecken. Placida selbst hatte ein neues Kalb – ein gesundes Mädchen. Dies ist bereits ihr viertes weibliches Kalb. Placidas erstes Tochter, die 1999 zur Welt kam, überlebte leider nicht, doch Paris (geboren 2003) und Pheebs (geboren 2014) haben es geschafft und stehen ihrer Mutter nun als Kindermädchen ihrer jüngsten Schwester zur Seite.


Die GBs, eine der größten Familien in Amboseli, wurden im Juli im zentralen Teil des Parks beobachtet, wo sie sich selbstbewusst durch die Sümpfe und die umliegenden Graslandschaften bewegten. Auch ihren Kälbern ging es gut und sie wurden häufig beim Spielen beobachtet.
Im Juli kamen die GBs in Begleitung eines unabhängigen Bullen in der Nähe des ATE- Camps vorbei. Leider konnte nicht geklärt werden, wer dieser noch relativ junge Bulle war. Die Situation war typisch für die GBs, die sich generell relativ tolerant gegenüber fremden Jungbullen verhalten, welche sich ihnen oft für kurze Zeit anschließen. Wenn junge Bullen ihre Geburtsfamilie verlassen, verbringen sie Zeit allein oder mit anderen Bullen. Manchmal schließen sich aber auch kurzzeitig anderen Familien an, insbesondere solchen, die ruhig und sozial stabil sind. Diese frühen Verbindungen sind Teil des allmählichen Übergangs zur vollständigen Unabhängigkeit und ermöglichen es den Bullen, soziale Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig den Konkurrenzdruck älterer Bullen zu vermeiden.
Das im Juni 2025 geborene männliche Kalb von Ghost gedeiht weiterhin prächtig. In diesem frühen Alter sind Kälber noch stark auf engen Körperkontakt und ständige Aufsicht angewiesen, nicht nur von ihren Müttern, sondern auch von anderen weiblichen Verwandten. Seine ältere Schwester Gatzamba (geboren 2012) hat eine besonders aktive Rolle bei der Erziehung übernommen. Gatzamba hat noch keine Nichte und Ghosts Kalb ist ihr einziger Neffe. Daher erhält er besonders viel Aufmerksamkeit von ihr, was ihm sichtlich gefällt.
Auch die FBs wurden sowohl im Juli wie im September gesehen und beides Mal waren Flossie, Feretia und Fenneke dabei. Ihnen allen ging es gut. Der September brachte besonders erfreuliche Nachrichten: Feretia wurde von einem winzigen, zwei Wochen alten, weiblichen Kalb begleitet, einem wunderbaren Neuzugang der FB-Familie. Die FBs verhielten sich vorbildlich: Sie rückten eng zusammen und sorgten in dieser gefährlichen frühen Lebensphase von Feretias Kalb für eine ruhige, schützende Umgebung.

Flossie und Fenneke teilen eine bemerkenswerte Geschichte, die ihre Familie bis heute prägt und Flossie einen ganz besonderen Platz in den Herzen des ATE-Teams sichert, da sie gezeigt hat, wie groß Mitgefühl und Einsatz für die Familie bei Elefanten sein können – manchmal auf eine Weise, die allgemein verbreitete Annahmen über ihr Sozialleben in Frage stellt. Flossie hatte einst eine Schwester namens Flame. Die beiden standen sich sehr nahe, wuchsen zusammen auf und halfen sich gegenseitig bei der Aufzucht ihrer Kälber. Im Jahr 2019 starb Flame unerwartet an einer seltenen Krankheit und hinterließ zwei junge Kälber: Farrukhan, damals vier Jahre alt, und Fenneke, gerade einmal acht Jahre alt.
Zu dieser Zeit hatte Flossie selbst keine Kälber und übernahm voll und ganz die Verantwortung ihrer Schwester bei der Aufzucht der beiden Waisen. Diese Art eines langfristigen, intensiven Einsatzes als Ersatzmutter gehört zu den eindrucksvollsten Verhaltensweisen von Elefanten, doch konnte sie bisher nur selten dokumentiert werden. Der Grund dafür ist, dass es jahrzehntelange Beobachtung einzelner Elefanten erfordert, um zu erkennen, was wirklich vor sich geht. Fennekes Verhalten gegenüber Flossie spiegelt auch heute noch diese Verbundenheit wider: Flossie wird wie eine Mutter behandelt und ist nun sogar die Großmutter von Fennekes Kalb.

Fennekes ältere Tochter, geboren 2023, folgt Flossie oft auf Schritt und Tritt, wie dies sonst gewöhnlich bei Großmüttern und ihren Enkeln der Fall ist. Unterdessen hat Flossies eigenes männliches Kalb, geboren 2024, eine enge Freundschaft mit einem etwas älteren Cousin geschlossen, und auch diese beiden folgen Flossie häufig. Zu beobachten, wie Flossie sich um alle diese Kälber kümmert – ohne zwischen ihren eigenen und denen ihrer Nichte zu unterscheiden –, erinnert eindringlich an die außergewöhnliche Fähigkeit von Elefanten zu Empathie, Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung.
Die FB-Familie lehrt uns weiterhin, dass sich die Elefantengesellschaft nicht nur durch genetische Verwandtschaft auszeichnet, sondern auch durch dauerhafte freundschaftliche Beziehungen, Erinnerungen und die Möglichkeit, individuelle Entscheidungen zu treffen. Flossies Geschichte ist eine Geschichte von Widerstandsfähigkeit und Liebe, und sie zeigt warum langfristige Forschung so wichtig ist: Ohne sie würden diese tiefgründigen Familiengeschichten unbemerkt bleiben.
Die KB2-Familie unter der Führung von Kate wurde ebenfalls häufig gesichtet, wobei sie sich meist in der Nähe der Sümpfe aufhielt. Im September wurde Kate mit Kiddo, Kitty und Karie in einem Gebiet entdeckt, das häufig auch von Bullen besucht wird. Wie die GBs erhielten auch die KB2s öfter Besuch von Jungbullen, die sich ihnen für kurze Zeit anschlossen. Die KB2-Familie wirkte während dieser Begegnungen entspannt und geschlossen und bot so den jungen Bullen eine angenehmes und freundliches Umfeld.
Das dritte Quartal des Jahres 2025 war für die Elefanten in Amboseli insgesamt eine ziemlich gute Zeit, und sie befanden sich in bester Verfassung. Das Team des ATE hoffte, dass die Trockenzeit nicht mehr allzu lange andauern würde und es vielleicht Ende Oktober oder spätestens Anfang November wieder regnen könnte. Die Zeit bis dahin sollten die Elefanten ohne große Probleme überstehen.
(Alle Fotos © Amboseli Trust for Elephants)


